Body Shaming – Warum es so schwierig ist den eigenen Körper mit Übergewicht zu lieben

In diesem Blogartikel erfährst Du, wann, wie und warum wir uns schämen – besonders für unseren Körper. Außerdem geht es um die positive Seite des Schamgefühls und warum es für uns so wichtig ist.


Mit Einkaufstüten schwer beladen steige ich in den Bus ein. Ich bin würde mich gern hinsetzen. Deshalb lasse ich meinen Blick ein Mal über die Sitzreihen schweifen und stelle fest, dass überall schon eine Person sitzt. Weil ich den anderen nicht bedrängen will, bleibe ich stehen.

Ich gehe auf dem Bürgersteig entlang, immer ganz am Rand. Ich will niemandem den Platz wegnehmen und einen blöden Kommentar darüber, will ich auf jeden Fall vermeiden. Ich fühle mich wie das lebendige Anschauungsobjekt für Disziplinlosigkeit und Faulheit.

Kommen Dir solche Situationen bekannt vor?

Der Grund dafür: Scham! Scham ist unser ständiger Begleiter und geht mit der Angst vor einer negativen Bewertung und Ausgrenzung einher. Wir wollen nicht unangenehm auffallen und den Erwartungen der anderen entsprechen – mit den anderen mithalten. Oft gehen uns dabei Gedanken durch den Kopf wie: „Ich bin nicht gut/schlank/vorzeigbar genug. Alle anderen kriegen es irgendwie hin stark zu sein, nur ich nicht. Wieso kann ich da nicht einfach drüber stehen? Es sollte mir doch egal sein, was die anderen denken.“ Weil das Schamgefühl uns im Kern trifft, versuchen wir, Situationen, die es auslösen zu vermeiden – also lieber nicht im Bus hinsetzen. Und wenn es sich nicht vermeiden lässt, bekommen wir einen roten Kopf und wünschen uns, es möge sich ein Loch im Erdboden auftun, in dem wir verschwinden können oder wir gehen in den Kampfmodus und ärgern uns über all die Ungerechtigkeit im Leben.

Scham entsteht also dann, wenn ich denke, dass jemand anderes oder die Gesellschaft etwas an mir als Makel oder Defizit wahrnimmt und deswegen schlecht über mich denkt. Für unseren Körper schämen wir uns auf mehreren Gründen ganz besonders:

1. Den Körper kann man nicht verstecken.

2. Über Übergewicht und Adipositas gibt es viele Vorurteile und Diskriminierungen.

3. Übergewicht und Adipositas entsprechen nicht dem aktuellen Schönheitsideal.

4. Das Gehirn ist negativ verzerrt.

Nun noch mal ausführlicher:

1.

Andere vermeintliche Makel, wie dass wir nicht mitreden können, weil wir einen bestimmten Politiker nicht kennen, können wir leicht verstecken und überspielen. Der Körper ist immer sichtbar. Und Scham ist besonders dann schlimm, wenn wir bloß gestellt werden ohne Einfluss nehmen zu können.

2.

Anhand des ersten Eindrucks und der körperlichen Erscheinung werden Rückschlüsse auf den Charakter gezogen. Das ist bei allen Menschen so und auch total wichtig, damit wir uns orientieren können. Wir können ja nicht jeden Menschen kennenlernen. Jemanden in einem Anzug halten wir automatisch für wohlhabender und eloquenter und passen uns entsprechend an. Über Menschen mit Übergewicht und Adipositas gibt es in unserer Gesellschaft Vorurteile, die dazu führen können, dass Betroffene sich schämen. Diese Vorurteile besagen unter anderem, dass Menschen mit Übergewicht oder Adipositas faul, willensschwach und undiszipliniert sind. Es gibt aber auch „positive“ Vorurteile, nämlich, dass dicke Menschen gesellig, fürsorglich und lustig sind. Ist Dir so ein Vorurteil schon mal begegnet? Weil die negativen Eigenschaften nicht wünschenswert sind, schämen wir uns automatisch, wenn sie uns zugeschrieben werden. Einige reagieren auf dieses Beschämt werden mit Ärger und Wut, andere mit Rückzug und Minderwertigkeitsgefühlen.

3.

Wer dem gesellschaftlich vorherrschenden Schönheitsideal nicht entspricht, schämt sich für sein Äußeres. Egal, ob dünnes Haar, Falten, Cellulite, schiefe Zähne oder eben Übergewicht. Wenn das nicht so wäre, würde es überhaupt keine Schönheits-OPs und kein Photoshop geben.

Das Schönheitsideal ist immer eines: Schwer erreichbar! Die Menschen, die dem Schönheitsideal entsprechen sind 20 Jahre alt und ge-photoshopped. Wie das Schönheitsideal genau aussieht, ist von Kultur zu Kultur und von Zeit zu Zeit verschieden. Im Mittelalter war der Wohlstands-Bauch zum Beispiel noch mit Stolz präsentiert. Und in anderen Kulturen schüttelt man befreit sein gut bestücktes Hinterteil. In unserer Überfluss- und Konsum-Gesellschaft ist es „schön“, möglichst leistungsfähig, jung, erfolgreich, enthaltsam und dünn zu sein.

4.

Unser Gehirn hat einen Negativ-Bias. Weil es viel wichtiger für das Überleben war, sich zu merken, wo der nächste Säbelzahntiger auf uns lauern könnte, statt sich zu merken, wo wir uns gut die Sonne auf den Pelz scheinen lassen können, merkt sich das Gehirn negative Informationen besser und länger. Zudem legt uns das Gehirn Ungelöstes immer wieder vor – wie auf einer inneren Wiedervorlageliste. Da die meisten Menschen mit Übergewicht und Adipositas wegen ihres Aussehens schon mal negative Erfahrungen gemacht haben, sitzt ihnen Körper-Scham in Mark und Knochen.

Puh, das klingt alles furchtbar unangenehm. Deshalb hier ein kleiner Reminder: Jeder Körper ist schön! Wenn Du Dich in Deinem Körper wohlfühlst, strahlst Du das ganz automatisch mit aus - wie die Frauen auf dem Foto.

Nun zurück zum Schamgefühl: Kann man das nicht irgendwie weg kriegen? Die Antwort: Nein! Aber wieso schämen wir uns überhaupt?

Das steckt schon seit Anbeginn der Menschheit in unseren Genen. Jeder schämt sich, nur wofür ist in jeder Kultur, jedem Zeitalter und bei jedem Menschen unterschiedlich.

Es tritt dann auf, wenn wir denken, dass wir Erwartungen, Ansprüche oder Regeln der anderen nicht erfüllen können. Scham braucht also ein Gegenüber, das uns wichtig ist und das ein Defizit an uns wahrnimmt. Mit der Zeit verinnerlichen wir dieses Gegenüber. Es braucht also niemanden mehr, der mit einer hochgezogenen Augenbraue auf uns herab schaut. Es reicht, wenn wir wissen, dass das, was wir gerade wahrnehmen, nicht gern gesehen wird. Das Schamgefühl betrifft unsere gesamte Person. Es heißt ja nicht „Ich habe etwas falsch gemacht.“, sondern „An mir/Mit mir ist etwas falsch.“. Deshalb können wir beschämende Situationen nur vermeiden, indem wir uns einigeln. Eine andere Möglichkeit ist es, die Abwertungen vorauszuahnen und uns selbst prophylaktisch abzuwerten. Zum Beispiel, indem wir uns vorab entschuldigen, dass wir zu viel Platz einnehmen oder schon mal selbst sagen, dass wir wieder „voll zugenommen“ haben. Sogar allein vor dem Spiegel will die überzogene Selbstkritik Schamgefühle abwenden, zum Beispiel, indem Du Dich mit kritischen Blick in den Speck kneifst oder „Ich bin so hässlich.“ denkst.

Evolutionsbiologisch gesehen ist das Schamgefühl total wichtig. „Früher“ haben wir in Gruppen zusammen gelebt und musste um die begrenzten Ressourcen (z.B. Nahrung) konkurrieren. In jeder Gruppe gab es einen Anführer, der die Ressourcen aufgeteilt hat. Es war also wichtig zu antizipieren, was bei diesem Anführer „gut ankommt“, um weiterhin in seiner Gunst zu stehen und etwas von den Ressourcen zu bekommen. Das Schamgefühl ist dabei ein Indikator (=eine Art Anzeiger), dass wir gegen eine Gruppennorm verstoßen haben könnten. Es geht mit der Frage einher: Habe ich etwas an mir, das dazu führen könnte, dass ich ausgeschlossen werde? Wenn wir uns schämen, hat das einen Einfluss auf unser gegenüber. Das ist übrigens bei jedem Gefühl so, es gibt immer einen kommunikativen Aspekt. Das Gefühl sagt dem anderen, was wir brauchen oder was er tun soll. Das Schamgefühl sagt dem anderen, dass ich über die Gruppennormen Bescheid weiß, dass ich Rücksicht nehmen und dazugehören möchte und dass er mir sagen soll, dass das allein schon genügt, um dazuzugehören, auch wenn ich die Gruppennorm nicht erfülle. Das geht beispielsweise, indem wir sagen: „Du siehst ja super aus in dem Kleid. Ich mit meiner Figur kann sowas einfach nicht tragen.“.

Unser Gegenüber kann uns dann nicht mehr böse sein, kritisieren oder ablehnen. Denn das haben wir ihm ja bereits vorweg genommen. Und hast Du mal versucht wirklich ärgerlich und aggressiv auf jemanden zu reagieren, der sich gerade schämt? Das ist so gut wie unmöglich. Dank unserer Spiegelneuronen ruft unser Gehirn vor unserem inneren Auge ähnliche Situationen und Gefühle wach, sodass wir Verständnis und Mitgefühl zeigen. In dem Beispiel würde ein liebevoller Mensch vielleicht entgegnen, dass wir „ein hübsches Gesicht“ haben. Kennst Du das auch?

Neben diesem evolutionären Nutzen wird uns das Schamgefühl in der Erziehung weiter antrainiert.

Unter anderem mit der Frage „Was sollen denn die Nachbarn denken?“ Genau so etwas führt zu (übertriebener) Rücksichtnahme.

Als weiteres Puzzleteil zum Schamgefühl kommen persönliche Erfahrungen von Blamage. Und auch hier geht es darum dazuzugehören und empathisch auf die Erwartungen des anderen einzugehen.

Scham hilft also dabei empathisch zu sein und es gibt Untersuchungen, die zeigen, dass Kinder, die in einem gesunden Maß beschämt werden, später empathischere Erwachsene sind. Überleg mal, ob Du jemanden kennst, der sich nicht schämt und für wie empathisch und feinfühlig Du diese Person hältst. Wir mögen Menschen, die sich schämen lieber als Aufschneider, Draufgänger oder Angeber, weil wir uns in ihrer Gegenwart sicher fühlen und wenig oder keine Angst vor Abwertung haben und weil jeder weiß, dass er selbst auch nicht perfekt ist und sich so dem anderen näher fühlt.

Ich fasse noch mal zusammen:

1. Jeder Mensch schämt sich, nur alle für unterschiedliche Merkmale ihrer Person.

2. Für unser Äußeres schämen wir uns besonders, weil wir es nicht verstecken können, wir darauf Rückschlüsse auf den Charakter eines Menschen ziehen, nicht dem Schönheitsideal entsprechen und unser Gehirn negativ verzerrt denkt.

3. Scham ist wichtig und nützlich, um dazuzugehören und empathisch zu sein.

Was ist Deine größte Erkenntnis aus dem Artikel? Was kannst Du für Dich mitnehmen? Schreib mir gern eine Mail mit Deiner Antwort an mail@becomingmyself.de

Ich freue mich von Dir zu lesen!

Deine Helene

Im nächsten Blogartikel geht es um die negativen Folgen von übermäßigen Schamgefühlen, Selbstkritik und Fat Talk und darum, wie du am besten mit Schamgefühlen umgehen kannst.

12 Ansichten
moderne Arbeitsbereich
  • Instagram
  • Facebook Social Icon

©2020 becoming myself

Impressum | Datenschutz