Warum bin ich dick? Die wahren Gründe von Übergewicht und Adipositas


In diesem Blogartikel erfährst Du, wie Übergewicht und Adipositas entstehen, Du kannst Dein persönliches Entstehungsmodell aufstellen und so die Ansatzpunkte erkennen, die zu einer langfristigen und nachhaltigen Veränderung führen.



Früher herrschte die Meinung Menschen mit Übergewicht hätten einfach „schlechte Gene“, Schilddrüsenprobleme oder die wohl bekannten schweren Knochen. Heute herrscht die Auffassung, dass Jede*r ihres*seines Glückes Schmied ist und selbst die Verantwortung für ihr*sein Gewicht trägt.

Das Problem: Die alte Version führt zu Passivität, Ohnmacht und Hilflosigkeit und die zweite Version zu Schuldzuweisungen und Stigmatisierung. Aber was stimmt denn nun?


Die moderne Wissenschaft geht von einem mulitmodalen Modell aus, das heißt, dass mehrere Faktoren zusammen kommen und wirken. Du kannst Dir das Ganze wie ein Fass vorstellen, dass irgendwann überläuft. Die Füllung für das Fass besteht aus drei Bereichen: Biologische Faktoren, soziale Faktoren und psychologische Faktoren.


Rein genetisch verursachtes Übergewicht ist extrem selten

#1 Biologische Faktoren

Mit biologischen Faktoren ist alles gemeint, was auf der körperlichen Ebene stattfindet.

Als Erstes: Die Gene. Es gibt tatsächlich ein paar extrem seltene, rein genetisch verursachte Adipositas-Syndrome, wie das Prader-Willi-Syndrom oder das Fröhlich-Syndrom. Das sind Erbkrankheiten, die allein für sich genommen, das Fass zum Überlaufen bringen und zusätzlich durch andere Faktoren verschlimmert werden können. Auf die allermeisten Menschen mit Übergewicht wird das nicht zutreffen. Dennoch konnten in der Forschung einige Genloci, also bestimmte Stellen in unserer DNA, identifiziert werden, die zur Entstehung von Übergewicht und Adipositas beitragen.


Viele biologische Faktoren sind paradoxerweise vorübergehender Natur.

Weitere Faktoren, auf die wir überhaupt keinen direkten Einfluss nehmen können, sind Verletzungen, die in der Folge zu weniger Bewegung führen und so die Energiebilanz negativ beeinflussen. Auch bestimmte Medikamente, wie Cortison und einige Antidepressiva, können zu einer Gewichtszunahme führen. Auch wer das Rauchen aufgibt, nimmt durch die Veränderung des Stoffwechsels meist erst mal an Gewicht zu. Einleuchtend ist auch, dass eine Schwangerschaft zu einer Gewichtszunahme führt, zumindest dann, wenn das Kind gesund wächst. All diese Faktoren sind jedoch von vorrübergehender Natur.

Auch Probleme mit der Schilddrüse können eine Gewichtszunahme nach sich ziehen. In diesem Fall gilt es, sich medizinisch und medikamentös gut einstellen zu lassen, um dem entgegen zu wirken.

Das Gewicht wird außerdem bestimmt durch die Anzahl der Fettzellen (die sich bei Gewichtszunahme vergrößert, bei einer Gewichtsabnahme jedoch nicht mehr reduziert), der Energieverbrauch und Geschmackspräferenzen. Damit ist gemeint, ob Du eher im Team Schoki und Kuchen oder eher im Team Chips, Käse und belegte Brote bist.


Genetisch betrachtet haben wir einen Steinzeit-Körper

Aus evolutionsbiologischer Sicht haben wir auch heute noch einen Steinzeit-Körper, für den Verhungern eine größere Bedrohung ist, als zu viel Gewicht zu haben. Fett ist überlebenswichtig. Wenn wir es nicht hätten, müssten wir die ganze Zeit essen. Erst das Speichern des Fettes erlaubt es uns, auch andere Dinge im Leben zu tun. Deshalb möchte der Körper es gern speichern. Und das vor allem nach einer großen Hungersnot oder wie wir sie in der Jetzt-Zeit nennen: Diät. Der Jojo-Effekt ist nichts anderes als der Versuch des Körpers uns vor dem Tod zu schützen, falls noch mal so eine schlimme Dürrephase auftritt. Nicht umsonst ist einer der größten Risikofaktoren für die Entwicklung einer Essstörung das Diäthalten. Andererseits will der Körper aber auch kein „überflüssiges“ Gewicht mit sich herumtragen. Das wäre Energieverschwendung. Nach Phasen, in denen wir mehr essen als sonst (Weihnachten, Urlaub,...), pendelt sich unser Körper ganz von selbst und ohne Diät wieder bei unserem Ausgangsgewicht ein, wenn wir einfach so weiter essen wie vor dieser Phase auch.



#2 Soziokulturelle Faktoren

Damit sind gesellschaftliche Rahmenbedingungen und zeitgenössische Prägungen gemeint.

Dass wir in unserer westlichen Industrienation zu wenig Bewegung und einen Überfluss an Nahrungsmitteln vorfinden, brauche ich Dir nicht zu erzählen. Theoretisch kannst Du Dir eine Pizza ans Bett liefern lassen. Der Wert der Arbeit und Leistungsfähigkeit steigt immer weiter und die Arbeitsplätze verändern sich so, dass wir uns weniger bewegen müssen. Das spielt unserer Biologie, die lange Bewegungen zum Jagen und Co. beinhaltet, ungünstig in die Karten.


Das Schönheitsideal hat sich mit der Zeit gewandelt, aber eins war und ist es immer: Schwer erreichbar!

Dann haben wir noch das Schönheitsideal. Was ist denn schön? Das, was schwer erreichbar ist. Im Mittelalter konnte man seinen Status zeigen, wenn man möglichst füllig war und eine helle Hautfarbe hatte. Nahrung war knapp und ärmere Menschen mussten draußen auf den Feldern arbeiten, wo sie braun wurden. Heute, wo alle Bürojobs haben und es das Schlaraffenland in Sachen Essen gibt, ist es schwieriger schlank zu sein und einen gebräunten Teint mitzubringen. Es ist also gar nicht wirklich schöner. Eigentlich müsste es „Schwer-zu-erreichen“-Ideal heißen. Daran ist ansonsten nichts, aber auch wirklich gar nichts besser. In anderen Kulturkreisen gibt es andere Ideale, zum Beispiel einen fülligen, runden Hintern oder sogar Körperschmuck, der hierzulande glatt als Körperverletzung durchgehen würde.


Werbung will uns immer das Gefühl von Mangel und Unvollständigkeit vermitteln

Das Ganze wird durch den Einfluss der Medien noch verschlimmert. Die Medien schalten nicht zufällig

Werbung für hochkalorische Lebensmittel, wenn Du abends auf der Couch sitzt und verknüpfen mit Naschereien nicht zufällig ganz viele positive Gefühle. Sie wollen Dir einreden, dass es Dir jetzt gerade noch nicht gut genug geht und Du erst mit diesem Snack den Moment wirklich genießen oder gesellig sein kannst. Werbung erzeugt in uns ein Gefühl von Unvollständigkeit – und das ist genauso gewollt! Denn ansonsten würde sie ihren Zweck verfehlen: Uns zu mehr Konsum anzuregen. Achte doch mal bewusst darauf. Oder noch besser: Nutze Streaming-Dienste ohne Werbung. Oder am allerbesten: Frag Dich abends, was Du wirklich brauchst – das kann manchmal „Berieselung“ sein, manchmal brauchst Du vielleicht aber auch noch etwas anderes. Ein zweiter Aspekt ist, dass uns die Medien eine falsche Realität verkaufen. Die Körper, die wir in Film, Fernsehen und auf Plakaten zu Augen bekommen, sind bis zum Umfallen retuschiert und bearbeitet.

Ein weiterer Risikofaktor für Adipositas ist ein niedriger Sozialstatus.



#3 Psychologische Faktoren

Jetzt kommen wir zu meinem Lieblings- und Kernkompetenzbereich. Der häufigste psychologische Faktor ist ein ungünstiger Umgang mit Gefühlen und Stress. Gefühle sind für uns sehr wichtige Botschafter. Sie sagen und etwas über unsere Bedürfnisse. Wenn wir also auf unsere Gefühle hören, können wir besser für uns sorgen und steigern damit unsere Lebensqualität und unser Wohlbefinden.


Gefühle sind die Botschafter unserer wahren Bedürfnisse! Wer sie herunter schluckt, verpasst die Chance auf einen Wegweiser zu einem befreiten Leben

Jetzt kommt der erste Stolperstein ins Spiel: Menschen wollen sich immer wohlfühlen und da passen unangenehme Gefühle wie Angst, Traurigkeit, Scham, Schuld und Co. nicht rein. Deshalb besteht die Tendenz solche Gefühle, zu betäuben, wegschieben oder gar nicht erst aufkommen lassen zu wollen – zum Beispiel mit Essen. Wenn wir so mit unseren Gefühlen umgehen, entfremden wir uns jedoch immer weiter von uns selbst – eine Sackgasse! Wenn ich mich darüber ärgere, wie mein Chef mit mir umgeht und das nicht kläre, sondern mich nach Feierabend mit einem Teilchen vom Bäcker betäube, wird das Problem eher größer als kleiner. Zudem sind viele Menschen mit Übergewicht und Adipositas auch Selbstkritiker und haben ständig etwas an sich zu meckern. Diese Selbstkritik und auch der sog. Fattalk sorgen ebenfalls für eine Gewichtszunahme. Du willst mehr darüber wissen? Dann geht’s hier zu meinem Blogartikel: Klick hier.

Aber Essen kann nicht nur unangenehme Gefühle betäuben, es kann auch angenehme Gefühle herstellen.


Der Körper sorgt aus einem gutem Grund dafür, dass sich Essen belohnend anfühlt

Nichts ist so überlebenswichtig wie Essen. Deshalb sorgt der Körper zurecht dafür, dass sich das verdammt gut und belohnend anfühlt. Wenn wir also nicht lernen, die Botschaft der Gefühle zu verstehen und angenehme Gefühle herzustellen, werden wir immer wieder auf das Essen zurückgreifen und haben ein Problem!


Alle weiteren psychologischen Faktoren reiße ich jetzt kurz an, damit ich Dich hier nicht überlade.

Die individuelle Biografie spielt eine Rolle. Ob das bei Dir so ist, kannst Du mit folgenden Fragen herausfinden:

Wie wurde in Deiner Familie mit Essen umgegangen?

Wurden die Mahlzeiten gemeinsam eingenommen? Welche Rolle hat das gespielt? Wie steht es um das Ernährungswissen Deiner Eltern?

Wurde Essen als Seelentröster, Belohnung oder mit einer anderen Funktion als satt zu werden eingesetzt?

Gab es Kommentare über Essverhalten oder Figur? Hier ist der bekannteste Spruch wohl: Iss Deinen Teller leer, sonst... Du bleibst so lange hier am Tisch sitzen bis Du Deinen Teller leer gegessen hast.


Menschen mit Adipositas leiden häufiger unter Depressionen und Ängsten als normalgewichtige Menschen

Psychische Erkrankungen und Übergewicht können sich gegenseitig verstärken. Entweder indem zuerst eine psychische Erkrankung (oder sogar nur eine schlechte Phase) vorliegt, die nicht aktiv angegangen, sondern mit Essen versucht wird „runterzuschlucken“ und sich zu betäuben. Durch das nicht gelöste zugrundeliegende Problem muss immer mehr gegessen werden, um die Emotionen in Schach zu halten und nicht spüren zu müssen. Auch zwischen Angststörungen und Essstörungen auf der einen Seite und Adipositas auf der anderen Seite gibt es einen Zusammenhang. Und wusstest Du, dass einer der größten Risikofaktoren eine Essstörung zu entwickeln das Diät-machen ist? Eine mildere Variante finden wir bei einem geringem Selbstwertgefühl, wenn Betroffene Dinge „in sich hinein fressen“. Eine drastischere Variante, wenn nach (sexuell-)traumatischen Erlebnissen Essen als Verarbeitungsmechanismus dient und Betroffene sich einen „körperlichen Schutzpanzer“ zulegen.

Oder es beginnt beim Übergewicht, das über den Umweg von Mobbing- oder Diskriminierungserfahrungen und einem geringen Selbstwertgefühl zu Rückzug und im schlimmsten Fall zu psychischen Erkrankungen führen kann.



Verschiedene Denkmechanismen und Glaubenssätze spielen ebenfalls eine Rolle. Hervorheben möchte ich dabei insbesondere drei sehr häufig auftretende Denkfehler.

Eine geringe Selbstwirksamkeitserwartung zu haben, ist einer davon. Das bedeutet über sich selbst zu denken, dass man ohnehin keinen Einfluss nehmen kann und es deshalb keinen Unterschied macht, wie man handelt. Das kann viele Ursachen haben. Eine davon sind häufig gescheiterte Diätversuche. Dabei liegt es gar nicht an Dir, wenn Du dabei scheiterst. Über 90% der Diäten scheitern. Wenn Du das aber auf Dich zurückführst, wirst Du mit großer Wahrscheinlichkeit eine geringe Selbstwirksamkeitserwartung entwickeln.

Auch das schwarz-weiß-Denken ist weit verbreitet. Wenn Du Dir beispielsweise vornimmst ab morgen keine Süßigkeiten mehr zu essen und das gut klappt bis Du am Wochenende bei Freunden eingeladen bist, könnte das schwarz-weiß-Denken Dir einen Streich spielen. Im Gespräch bist Du mit Deiner Aufmerksamkeit bei Deinen Freunden und Deine Hand, die zur Chips-Schale greift, ist auf Autopiloten-Modus gestellt. Irgendwann wird Dir bewusst, dass Du gerade Chips isst, was Du ja nicht wolltest. Hier ist die Verlockung groß zu denken: „Jetzt ist auch egal“. Und dabei zu vergessen, dass Du Deinen Vorsatz bislang an mehr Tagen umgesetzt als nicht umgesetzt hast und dass es sehr wohl einen Unterschied machst, ob Du zwei Chips oder zwanzig Chips isst.

Ein weiterer Denkfehler ist das kurzfristige Denken. Wir Menschen handeln oft nach den Konsequenzen, die wir direkt im Anschluss an eine Aktion fühlen, weil die langfristigen Konsequenzen sich Schritt für Schritt einstellen und nicht unmittelbar mit der Aktion verknüpft werden können. Wenn Du Dich schlecht fühlst und etwas isst, fühlst Du Dich sofort besser. Dass Du zunimmst, wenn Du das jedes Mal so machst und keine Alternativen im Umgang mit Gefühlen hast, spürst Du aber nicht.



Zusammenfassung: Es gibt nicht DEN EINEN Grund für Übergewicht und Adipositas, sondern ein bio-psycho-soziales Erklärungsmodell.


Die biologischen Faktoren sind:

· Gene

· Verletzungen

· Medikamente

· Rauchstopp

· Schwangerschaft

· Schilddrüsen-Erkrankungen

· Anzahl an Fettzellen

· Energieverbrauch

· Geschmackspräferenz

· Jojo-Effekt


Die soziokulturellen Faktoren sind:

· Zu wenig Bewegung

· Überfluss an (hochkalorischen) Nahrungsmitteln und Fehlernährung

· Schönheitsideal

· Einfluss von Medien

· Niedriger Sozialstatus


Die psychologischen Faktoren sind:

· Ungünstiger Umgang mit Gefühlen

· Ungünstiger Umgang mit Stress

· Biografische Faktoren

· Psychische Erkrankungen und traumatische Erlebnisse

· Geringer Selbstwert

· Denkmechanismen und Glaubenssätze

· Diätverhalten



Wenn Du wissen willst, welche Faktoren das bei Dir sind, schnapp Dir jetzt Zettel und Stift und schreibe die Faktoren raus, die auf Dich zutreffen und beschreibe möglichst persönlich und individuell, wie sich diese Faktoren bei Dir bemerkbar gemacht haben. Schreib nicht „Gene“ auf, sondern „In meiner Familie mütterlicherseits sind alle Frauen übergewichtig“.


Was ist Deine größte Erkenntnis aus dem Artikel? Was kannst Du für Dich mitnehmen? Schreib mir gern eine Mail mit Deiner Antwort an mail@becomingmyself.de oder kommentiere auf Instagram oder Facebook.

Ich freue mich von Dir zu lesen!


Deine Helene


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